Donnerstag, 14. Juni 2012

Plötzlich war sie da, die Angst


Heute hatte ich zum ersten Mal richtig Angst. Ein Gefühl, an das ich mich kaum erinnern kann. Man kann es sich nicht aussuchen, wovor man sich fürchtet. Ich hatte keine Angst, von Afghanen in den Rücken geschossen zu werden, oder von einer Sprengfalle zerfetzt. Ich hatte Angst, hilflos zu ertrinken.

Die nächsten Tage bleibe im OP North, von manchen als „Front“ bezeichnet. Der Baghlan River trennt die Stellung der Bundeswehr (siehe Eintrag von gestern) von den Aufständischen. Es gibt zwar eine Brücke, die „Roman Bridge“, aber die Straße führt auch danach direkt am Fluss entlang und ist sehr eng. An einer Stelle kragte bis vor kurzem eine Felsnase von den Bergen auf die Straße, die sie auf der anderen Fahrbahnseite begrenzen. Diesen Überhang hat die Bundeswehr vor kurzem gesprengt, sodass die Soldaten nun auch mit ihren schweren, gepanzerten Fahrzeugen tiefer ins Land eindringen können.

Den rechten Berg sind wir rauf


Im hinteren Drittel des Bildes sieht man den einen COP, auf der anderen Seite der Berge ist ein weiterer, und wo ich stehe soll ein Dritter hin.

Der Baghlan River mäandert wunderschön. Hier setzen leider auch die Aufständischen über, um ihr Unwesen zu treiben.


Heute bin ich mit der zweiten Kompanie der Task Force Mes genau an dieser Stelle vorbeigefahren. Rechts und links unseres Boxers waren zehn Zentimeter Platz. Der Boxer ist das Nachfolgemodell des Schützenpanzers Marder. Innen sieht man nur über Bildschirme, und das auch nicht von den Plätzen ganz hinten, wo ich saß. Ein dunkles, enges Loch, in dem im hinteren Teil sieben Mann samt aller Munition, Waffen, Westen usw. sitzen. Es gibt hinten vier Luken, die der Fahrzeugkommandant beim Passieren der Felsnase befohlen hat zu öffnen  - falls wir in den Fluss gestürzt wären. Die Stimmung war ziemlich angespannt, schließlich sind schon mal drei Soldaten in einem Transportpanzer Fuchs ertrunken. Und das stelle ich mir, ohne dass das jetzt blöd klingen soll, noch schlimmer vor, als von einer Mine zerfetzt zu werden.

Die afghanische Armee (alle von links) sicherte mit ab. Ein Dolmetscher übersetzt zwischen Bundeswehr-Pionier und afghanischem Bauunternehmer.

Der Zug setzt sich wieder in Bewegung.

Die bewusste Felsnase...

Es ist ... eng...


Letztendlich ist alles gut gegangen, der Fahrer hat Nervenstärke bewiesen. Und auch der eigentliche Auftrag, den Bauplatz für einen neuen Combat Outpost (COP) der Afghanischen Armee zu erkunden, verlief gut. Dafür mussten wir zwar einen Berg hoch, und das mit Schutzweste und in glühender Mittagshitze, aber so kann ich auch wieder ein Bounty mehr essen…

Soviel in Kürze.  

Kommentare:

  1. Hallo Julia,
    Willkommen im BOXER!
    Kleine Korrektur: der Boxer ist nicht das Nachfolgemodell des Marders, sondern des Fuchs und des M113. Lass dir nix andres erzählen...
    Die Angst vorm Ertrinken im Boxer kann ich dir wohl nehmen: im Gegensatz zum Fuchs hat der Boxer 5 Dachluken, durch die man im Falle des Falles raus kann (außer, er liegt auf dem Dach, dann kann noch die Hecktür geöffnet werden).
    Fühl dich im Boxer also sicher, er ist das am besten geschützte Fahrzeug des Kontingents.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Julia,

    egal ob Marder, Fuchs oder Boxer... Hauptsache, der Fahrer war gut! :-)

    Ich sende dir herzliche Grüße, vor allen Dingen nachträglich zum Geburtstag, und hoffe, dass du gesund und munter zurück kommst.

    Wünsche dir noch viele unvergessliche Erlebnisse und eine gute Zeit!

    AntwortenLöschen
  3. Oh, sorry - das hab ich verwechselt. Danke für die Korrektur!

    Und ja: Der Fahrer war WELTKLASSE, was ich hier auch seit einem Tag jedem erzähle, der es hören will (oder auch nicht)

    Es war einfach saueng...

    AntwortenLöschen