Samstag, 9. Juni 2012


Ein Anschlag und seine Folgen - wenn der Terror plötzlich ein Gesicht hat

Im afghanischen Camp Shaheen war ich heute zum ersten Mal. Ich bin immer noch im Camp Spann, eine Stunde des Bundeswehr-Hauptstützpunktes Marmal. Direkt neben Spann wurde eine Kaserne für die Afghanische Armee (ANA) aus dem Boden gestampft (Shaheen). Rund 6000 afghanische Soldaten sind hier untergebracht.

Begonnen hat der Tag mit dem Antreten: Dabei wird der Tagesablauf besprochen und jüngste Ereignisse verkündet. So erfahre ich, dass es in Sari Pul einen Anschlag auf ein Gefängnis gab, um Gefangene zu befreien. So weit, so normal – in Afghanistan. Neu für mich: später am Tag bei einem Rundgang durchs Militärkrankenhaus die Afghanen, vor allem Polizisten, zu sehen, die bei dem Anschlag verwundet wurden. Splitterwunden, Verbrennungen, teils verwirrte Gesichter – ein frisch operierter Mann unter einer dicken Wolldecke, dem so kalt ist. Bei der Hitze hier draußen. So abgebrüht man sich auch glaubt, völlig kalt lässt einen dieser Anblick nicht.

6000 afghanische Soldaten wollen Mittagessen - und warten stundenlang in brütender Hitze.
 Dennoch freut sich der Vizeleiter des Krankenhauses, Oberstleutnant Ali Chaman, mir mit der Besichtigung dieses sehr sauberen Gebäudes auch „gute Nachrichten aus Afghanistan“ überbringen zu können. Auch, wenn in dem Hospital vor allem ANA-Angehörige und Polizei und Zivilisten nur bei schweren Unfällen behandelt werden – es ist ein Fortschritt. Wie ein solches Krankenhaus möglichst effektiv betrieben und wie die medizinische Versorgung der Armee verbessert werden kann, versucht das international aufgestellte OMLT hier zu vermitteln. Die Chefs dieser Aktion sind auf deutscher Seite Oberst Schneider, Kommandeur des Jägerregimentes 1, und Brigadegeneral Ahmady Farooq. Zwei Männer, die wissen, was sie wollen. Und sich jeweils bei ihren Untergebenen großen Respekt verschafft haben. Zwei Alphatiere, wenn man so will, und das auch noch in der Armee. Kann das gut gehen, wenn der eine den anderen „mentort“?

Große Männer, kleines Sofa: General Farooq und Oberst Schneider in Farooqs Büro.
 Mögen Sie sich eigentlich gegenseitig, Herr Farooq, Herr Schneider? Auch wenn man die für unsere Verhältnisse übertriebene Höflichkeit gegenüber Gästen abzieht, überrascht das Ergebnis meines Interviews. Farooq, der grade von einer Schulung in Spanien zurückkommt: „Als ich wieder in Afghanistan gelandet bin, habe ich meinen Fahrer zuerst gefragt: Wo ist Oberst Schneider? Ich habe ihn richtig vermisst.“ Schneider, trotz der gewohnten Höflichkeitsfloskeln merklich berührt: „Was General Farooq erreicht hat und welche Aufgaben noch vor ihm liegen – das ist viel schwerer als mein Job daheim und hat meinen größten Respekt. Er wird immer in meinen Gedanken und in meinem Herz bleiben.“ Und dann vergleicht er sich und Farooq noch mit einem „alten Ehepaar“. Wenn man die beiden so sieht, wie sie sich ziemlich dicht zusammen auf ein Sofa quetschen – man mag es fast glauben. 

Im Militärkrankenhaus in Camp Shaheen: Ein Dolmetscher übersetzt (rechts) übersetzt dem Mentor der Bundeswehr (links) die Berichte der afghanischen Ärzte.

Im Gegensatz zum Riesencamp Marmal gibt es in Camp Spann ein afganisches Restaurant, was ich heute ausprobiert habe. Urteil: Hervorragend. Mit am Tisch sitzen zwei Übersetzer (rechts).


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