Samstag, 16. Juni 2012

Minensucher - mit der Spitzhacke auf der Suche


Stellen Sie sich mal für einen Augenblick folgende Situation vor: Sie sind der Chef von ein paar Männern, deren Aufgabe es ist, vor Autos herzulaufen und Minen zu finden. Drei Jungs, bewaffnet mit Metalldetektoren und Spitzhacke, laufen durch Afghanistan vor den geschützten Fahrzeugen, durch ein Gebiet, in dem Aufständische sehr wahrscheinlich Sprengsätze eingegraben haben. Und Sie sind der Chef, nicht verantwortlich für den Krieg, nicht für die Minen, aber für die Männer. Männer, die im übrigen glaubhaft versichern, ihren Beruf gern zu machen, auch Bock auf Nervenkitzel zu haben, den Wettkampf lieben, immer ein bisschen


Afganische Armee I: Der Aufgang zur..Dachterrasse?

Afganische Armee II: Das Bad

besser als der Aufständische Bombenleger zu sein. Sie mögen ein abgeklärter, cooler Hund sein, der den Job selbst jahrelang gemacht hat. Aber Sie sind dran, wenn es nach dem großen Peng mit Todesfolge darum geht: Hätte man das vermeiden können? Vielleicht fragt Sie sogar Ihre Frau: „Sag mal, wie gehst du eigentlich mit dieser Verantwortung um?“ Und Sie haben keine Antwort. Weil das nämlich ein bisschen schwieriger ist, als die Frage zu beantworten: „Wie kannst du nur Terroristen erschießen?“ Da kann man kurz und bündig erklären, dass ein Mensch, der einem ans Leder wollte, sein Recht auf Leben verwirkt hat. Aber als Chef der Minenräumer?

Afganische Armee III: Besichtigung des Klassenzimmers. Tische und Bänke? Gibt´s nur in kaputt.

Afganische Soldaten, im Hintergrund ein Wachturm des OP North


Ich habe die Pioniere, bei denen diese Jungs angesiedelt sind, heute besucht. Hier im OP North haben sie ihre Zeltstadt ganz unten am Hügel, dort, wo kein Lüftchen weht. Im Winter stehen sie knöcheltief im Schlamm, im Sommer im Staub. Haben einen tollen Minenbergepanzer, den sie nicht einsetzen können, weil die Straßen hier zu schmal dafür sind. Bezeichnen ihre Behausung gern als „Handgranatenwurfstand“, weil das von außerhalb des Lagers schon mal möglich ist. Haben zwar Spaß an ihrer Arbeit, wissen aber auch gleichzeitig, dass sie sich keinen Fehler erlauben können. Journalisten sagen gern: „Wenn einen Fehler machen, steht er am nächsten Tag in der Zeitung.“ Ich antworte darauf immer: „Wenn Ärzte einen Fehler machen, stirbt ein Mensch.“ Und was ist hier?

Der Kompaniechef der Pioniere mit einem afganischen Bauunternehmer bei der Vertragsausgestaltung - und ich, irgendwie sehen meine Augen auf dem Bild sonderbar klein aus.
Versteckte Minen, sogenannte IEDs, bleiben das Hauptproblem in Afghanistan, nicht nur für die Bundeswehr. Der EOD, die Abteilung der Pioniere, die für´s Suchen und Entschärfen/Zerstören dieser Dinger zuständig ist, bleiben unverzichtbar. Erstaunlicherweise (Ironie off) gibt es hier gewisse Nachwuchsprobleme, sodass die Wenigen, die das Können und Wollen, häufig in den Einsatz gehen. Haben Sie sich schon mal überlegt, wie jemand eine Lebensversicherung findet, die ihn mit dem Job aufnimmt? Wollen Sie die Frau eines Mannes sein, der IEDs sucht? Und daran auch noch Spaß hat? Ganz normal ist das alles nicht. Aber Gott sei Dank gibt es sie – sicher ein Thema für eine neue Reise.

Nebenbei waren wir mit dem Chef der Pionierkompanie auch noch in der Kompanie der Afghanischen Armee, die direkt am Main Gate des OP North stationiert ist. Aus diesem Gebäude kam vor einem Jahr auch der afghanische Soldat, der hier drei Deutsche erschossen hat.

P.S.: Morgen gibt es wahrscheinlich keinen Eintrag, weil ich ein straffes Programm habe – also nicht wundern.


Abendgrüße aus dem OP North

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