Montag, 18. Juni 2012

Gewusst und trotzdem verbockt - sorry!


So, jetzt isses passiert. Es ist wirklich lustig, dass man vorher über Sachen spricht, die man dann selber verbockt. Vor dem Abflug, am Helipad des OP North, habe ich mich noch mit erfahrenen Soldaten über ihre Heimkehr-Erfahrungen ausgetauscht. Bei mir war es 2009 so, dass ich erstmal wie ein Zombie durch Supermärkte gelaufen bin und mich gefragt habe, WOFÜR um alles in der Welt man eigentlich 300 Sorten Käse und 500 verschiedene Joghurts braucht. Meine Gesprächspartner haben nach der Heimkehr erstmal ihre Uniform gar nicht ausziehen wollen - nach sechs Monaten immer in der selben Klamotte mutet es reichlich sonderbar an, jetzt was ohne Flecktarn anzuziehen. Andere haben nach ihrer Waffe gesucht, als sie das Haus verlassen wollten. Oder sich hinter parkende Autos gestellt und darauf gewartet, dass jemand den Befehl zum Abmarsch gibt. Andere haben Ärger über Kleinigkeiten an ihrer Familie ausgelassen. Jetzt simmer am Punkt.

Kein schöner Flug


Ich bin heute ja wie gesagt mit dem Heli vom OP North zurück zum Camp Marmal geflogen. Den Flug hin mit der CH 53 habe ich fast gar nicht gemerkt. Zurück ging es mit einer Chinook der Amis, von der alle sagen, dass es noch entspannter sei als mit der CH 53, mit der ich rein kam. War aber nicht so. Obwohl das Ding keinen Konturenflug macht, hat es sich so angefühlt, als würde einer beim Autofahren immer mal kurz aufs Gas gehen, dann wieder runter, dann wieder Gas... Resultat: Nach der Rundreise über Kunduz, Pol-e-Khomri und noch ein paar Örtchen hatte ich ein sehr breites Gefühl des Unwohlseins all over my body. Dazu kamen ein paar Kleinigkeiten: Mein Rückflug ist mehrmals verschoben worden, sodass ich jetzt zwei Zugtickets in die Tonne kloppen kann. Die Zeit bis zu meinem Hochzeitstermin wird ein bisschen knapper, was den Bräutigam nicht sehr amüsiert. Dann komme ich am Flughafen in Marmal an und meine Abholer verspäten sich. Nachdem ich hätte SCHWÖREN können, dass der nächste Stopp nach diesem Flug (bei Bullenhitze, klatschnass geschwitzt mit Weste, Helm und allem Gepäck) meine Unterkunft ist, geht´s direkt zum Mittagessen. Huaaaaa!

Meine Laune kurz nach Ankunft in Marmal. Leider ziemlich unberechtigt, aber ISSO
 Bevor nun alle über das Prinzesschen aufheulen, dass sich über Kinkerlitzchen beklagt: ALL diese Punkte sind normalerweise kein Problem. Dass etwa Flüge hier dauernd gestrichen werden, ist völlig normal, mir bewusst und absolut in Ordnung. Aber: Auch, wenn ich immer noch in Afghanistan bin, den gefährlichsten Teil der Reise habe ich doch mit der Ankunft in Marmal hinter mir gelassen. Die Anspannung, auch wenn sie nicht immer im Vordergrund stand, fällt ab. Die Teile, die ich für meine Serie brauche, habe ich im Sack. Zwei Wochen Dauer-Erklären, Dauer-Fragenausdenken-die-einmalig-auf-der-Welt-sind, Dauer-Rechtfertigen für andere Journalisten-Kollegen, Dauer-Super-Betont-Freundlichsein vor allem mit Afghanen, weil das nun mal hier so ist - das schlaucht einfach. Ich hatte ein super Programm, ein bisschen Glück und viel guten Willen von allen Seiten, und die armen, unschuldigen Menschen, die hier meinetwegen viel Papierkram haben und Man-Power stellen müssen, kriegen es ab.

Conclusio: 
  1. Wissen darüber, dass es suboptimal ist, Stress an anderen auszulassen, und sei es durch Stoffeligkeit, hält einen nicht davon ab, es doch zu tun
  2. Zwei Wochen einen Aufpasser/Presseoffizier ständig um sich zu haben, ist gewöhnungsbedürftig. Obwohl er nur seinen Job macht, der sicher auch nötig ist, kostet die Zusammenarbeit beide Seiten immer mal wieder Nerven
  3. Der Umgang mit zur Knappheit erzogenem Militär darf nicht dazu verführen, in eine allzu rationale Sprache zu verfallen. 
  4. Wer aus dem Einsatz kommt, sollte erstmal ein paar Tage nicht ernst genommen werden, vor allem, was das Gefühlsleben angeht
  5. Probleme offen ansprechen und jedes Mal ein Stück daraus lernen ist die Lösung allen Übels - wenn es nur immer so einfach wäre
In diesem Sinne: Melde mich ab. Gute Nacht. 

Der Flug in diesem Hubschrauber - hier beim Tanken in Kunduz - hat mich heute nicht allzu sehr erfrischt.

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